ARZT­BE­SUCH PER VIDEO­AN­RUF: EINE APP IM PRAXISTEST

Paula Zeiler

Pau­la Zei­ler
12.05.2021

Die App Pfle­ge­kon­sil ermög­licht digi­ta­le Arzt­be­su­che und soll die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in Alten­hei­men ver­bes­sern. Wie die App funk­tio­niert und ob Sie hält, was sie ver­spricht, erfah­ren Sie im Interview.

Tschüss Fax, Hal­lo Zukunft — heißt es im Alten­heim St. Anto­ni­us in Mün­chen. Seit April 2021 tes­tet die Cari­tas-Ein­rich­tung die App Pfle­ge­kon­sil. Die Anwen­dung ermög­licht Pfle­ge­per­so­nal einen direk­ten Kon­takt zu den Ärzt_innen der Bewohner_innen und Visi­ten per Video­an­ruf. Maxi­mi­li­an Gru­ber, gelern­te Pfle­ge­fach­kraft und Refe­rent im Geschäfts­be­reich Alten­hei­me des Cari­tas­ver­ban­des Mün­chen und Ober­bay­ern, berich­tet im Gespräch mit dem Deut­schen Cari­tas­ver­band von den ers­ten Erfah­run­gen mit der App. 

Wie funk­tio­niert die Pflegekonsil-App?

Die App soll dabei hel­fen, die Qua­li­tät der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung für die Bewoh­ner zu ver­bes­sern. In der Pra­xis wird es so ablau­fen: Die Pfle­ge­kraft erfährt, dass ein Bewoh­ner zum Bei­spiel über Schmer­zen klagt und eine medi­ka­men­tö­se Anpas­sung braucht. Die­se Infor­ma­ti­on ver­mit­telt die Pfle­ge­fach­kraft dem zustän­di­gen Haus- oder Fach­arzt in der App, mit der „Bit­te um Rück­mel­dung via Video­kon­zil“. Das schö­ne ist, dass man die Pra­xis nicht anru­fen muss, son­dern asyn­chron arbei­ten kann. Der Arzt sieht die Nach­richt, sobald er Zeit hat, und ver­schickt einen Ter­min für eine Video­sprech­stun­de. Im Video­sprech­raum tref­fen sich dann alle Betei­lig­ten zur digi­ta­len Sprech­stun­de. Ein Ziel muss sein, dass die­se zusätz­lich inves­tier­te Zeit von den Kran­ken­kas­sen über­nom­men wird. 

Ist damit der per­sön­li­che Arzt­be­such abgeschafft?

Natür­lich ist es am bes­ten, wenn der Haus­arzt per­sön­lich vor­bei­kommt. Jedoch haben wir durch den Ärz­te­man­gel, beson­ders im länd­li­chen Raum, manch­mal kei­ne Alter­na­ti­ve und eine digi­ta­le Visi­te ist die bes­te Lösung. Die dadurch schnel­le­re ärzt­li­che Ver­sor­gung ist aber auf jeden Fall ein gro­ßer Vor­teil für die Bewoh­ner. Und um es klar zu stel­len: Die Pfle­ge­kon­sil-App wird nicht dazu füh­ren, dass der per­sön­li­che Kon­takt kom­plett weg­fällt. Das ist uns als Cari­tas wichtig.

„Die Pfle­ge­kon­sil-App wird nicht dazu füh­ren, dass der per­sön­li­che Kon­takt kom­plett weg­fällt. Das ist uns als Cari­tas wichtig.“

Wel­che Reak­tio­nen gab es nach der ers­ten Ankün­di­gung in der Einrichtung?

Die Begeis­te­rung bei den Bewoh­nern und Ange­hö­ri­gen war sehr groß. Mit der ers­ten Coro­na-Wel­le haben vie­le Bewoh­ner gemerkt, wie das ist, wenn der Arzt nicht greif­bar ist. Inner­halb von zwei Wochen hat­ten wir von allen Bewoh­nern im ers­ten Wohn­be­reich die Ein­ver­ständ­nis­er­klä­rung ein­ge­sam­melt. Es gab sogar Bewoh­ner aus ande­ren Wohn­grup­pen, die nach­ge­fragt haben, wann sie mit­ma­chen kön­nen. Das Pfle­ge­per­so­nal war zunächst skep­ti­scher. Ich den­ke, durch die Anfangs­pro­ble­me mit der bereits ein­ge­führ­ten digi­ta­len Bewoh­ner­do­ku­men­ta­ti­on sind die Pfle­ge­kräf­te gebrann­te Kin­der. Es ist eben wich­tig, dass alles syn­chro­ni­siert wird und nicht ver­lo­ren geht.
Maxi­mi­li­an Gru­ber vom Cari­tas­ver­band Mün­chen und Oberbayern

Und wie ist der Ein­druck nach den ers­ten Praxiserfahrungen?

Für die Pfle­ge­fach­kräf­te ist die Orga­ni­sa­ti­on der App stemm­bar. Jedoch mel­den die ers­ten, dass die Bedie­nung des Tablets im Arbeits­all­tag stres­sig sei. Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch: Es fin­den nicht alle schlecht, aber der Auf­wand das Tablet zu holen, ist für den ein oder ande­ren zu groß. Des­we­gen gibt es den Wunsch, dass die Pfle­ge­kon­sil-App und die digi­ta­le Bewoh­ner­do­ku­men­ta­ti­on in einem Device bedient wer­den. Das ist mei­ner Mei­nung nach kei­ne Zukunfts­mu­sik, son­dern realistisch. 

Wo sehen Sie die Cari­tas in der Digi­ta­li­sie­rung der Pflege?

Man kann sich sträu­ben wie man möch­te, aber es wird immer mehr Tech­nik geben. Des­we­gen ist es wich­tig, dass es so klei­ne Pro­jek­te gibt. Aus die­sem Grund haben wir auch an der Ent­wick­lung der App mit­ge­wirkt. Uns fehl­te bei­spiels­wei­se die Pfle­ge­no­te: Es gab zu Beginn zu wenig Dia­gno­sen und zu vie­le Pflicht­fel­der, die aus­ge­füllt wer­den muss­ten. Das hät­ten wir im Pfle­ge­all­tag nicht leis­ten kön­nen. Ich fin­de, dass die Cari­tas als größ­ter Wohl­fahrts­ver­band Deutsch­lands eine Ver­ant­wor­tung hat, digi­tal auf­zu­rüs­ten und mit dabei zu sein. Aber Digi­ta­li­sie­rung auch ethisch hin­ter­fra­gen muss.

Im Inter­view:

Maxi­mi­li­an Gru­ber arbei­tet seit 2019 als Anwen­dungs­be­treu­er im Geschäfts­be­reich Alten­hei­me beim Cari­tas­ver­band Mün­chen und Ober­bay­ern. Wie er es selbst bezeich­nen wür­de: An der Schnitt­stel­le von Geschäfts­füh­rung und Pfle­ge­pra­xis. Im Team Pfle­ge ist sei­ne Haupt­auf­ga­be die Betreu­ung von digi­ta­len Anwen­dun­gen: Dazu gehört seit Juni 2020 auch die App „Pfle­ge­kon­sil“. Zudem betreut er die digi­ta­le Bewoh­ner­do­ku­men­ta­ti­on für Alten­hei­me „Viven­di“. Gru­ber kennt aber auch die Pra­xis: Er ist gelern­te Gesund­heits- und Pfle­ge­kraft und arbei­te­te unter ande­rem fünf Jah­re als Pflegeleitung. 

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